Portrait

Peer Classen

An einem grauen Tag im Dezember war es endlich soweit. Zum ersten Mal war ich alleine für ein Pferd verantwortlich. Die Besitzerin war für 4 Wochen verreist und hatte ihr Pferd nach gründlicher Einweisung meiner Fürsorge überlassen.

Der erste Tag.
Vielleicht sollte ich heute nicht gleich reiten, sondern mit etwas leichterem anfangen und ihn auf dem Reitplatz etwas rennen lassen. Da kann ja nicht viel schief gehen.
Kaum ist der Strick los, trabt er gemütlich in die entlegenste Ecke des Platzes um zu grasen. Ich trabe gemütlich hinterher. Als ich fast bei ihm bin, macht er sich auf den Weg in die gegenüberliegende Ecke und setzt dort seine Mahlzeit fort. Ich wieder hinterher - jetzt nicht mehr ganz so gemütlich.
Eine halbe Stunde und gefühlte hundert Kilometer später, während er völlig entspannt in weiter Ferne sein Gras genießt, frage ich mich schweissüberströmt, wer hier eigentlich wen rennen lässt.

In den darauf folgenden Tagen und Wochen stellte sich heraus, dass das nicht mein einziges Problem bleiben sollte. Ich brauchte dringend Hilfe. Glücklicherweise fand sich damals in jenem Stall jemand, der sich schon etwas mit Natural Horsemanship auskannte und mir bereitwillig half. Thiemo und Elke Bolinski haben mich mit einer Philosophie bekannt gemacht, die meine Sichtweise der Pferde damals von Grund auf änderte und mich bis heute begleitet.
Ich war sofort begeistert von der Natürlichkeit und der Effektivität dieser Methoden und von der Möglichkeit meinem "Problempferd" selbst etwas beibringen zu können. Von Anfang an konnte ich spüren, welches Potential dahinter steckt. Ich war mit dem Natural Horsemanship Virus infiziert.
Was folgte war eine spannende Reise quer durch die Philosophie und die Konzepte all jener, die sich den natürlichen, pferdegerechten und gewaltfreien Umgang mit dem Partner Pferd auf die Fahnen geschrieben haben. Dazu kamen viele wertvolle Lektionen der besten Experten auf dem Gebiet der Pferdenatur - den Pferden selbst.

Aus dem Hobby wurde eine Leidenschaft und irgendwann war der unbeholfene Mensch, der damals auf dem Reitplatz seinem Pferd hinterhergerannt war, auf dem besten Weg ein Pferde - Mensch, ein Horse - Man zu werden.
Das blieb natürlich von unserer Stall-Öffentlichkeit nicht unbemerkt (wer kann in einem Stall schon etwas geheim halten?). Hier und da wurde ich um Rat gefragt, wenn es mit einem Pferd Probleme gab. Ein weiterer wichtiger Schritt, der mir erlaubte mit vielen verschiedenen Pferden Erfahrungen zu sammeln.
Im Laufe der Zeit half ich vielen Bekannten und Bekannten von Bekannten in anderen Ställen und nach und nach entstand die Idee, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen. So hatte ich die Möglichkeit viel mehr Zeit und Energie möglichst vielen Menschen und Pferden zu widmen um ihnen dabei zu helfen, ihre Probleme zu meistern und ihre Ziele zu erreichen.

Um die praktischen Erfahrungen mit theoretischem Hintergrundwissen abzurunden, machte ich bei der Akademie für Tiernaturheilkunde ein Studium zum Tierpsychologen, das ich im Oktober 2006 erfolgreich mit einem Diplom abgeschlossen habe.

Doch die Entwicklung zum Horseman ist nie wirklich abgeschlossen. Es ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Horsemanship bedeutet nicht "wissen", sondern "lernen" - vor allem von den Pferden, die uns noch so viel zu sagen haben.
Ich bin sehr dankbar, dass meine geistigen Vorbilder und die Pferde mir einen Einblick in ihre Geheimnisse gewährt und mein Leben dadurch bereichert haben. Ich möchte es ihnen danken, indem ich immer versuchen werde, diese Geheimnisse noch besser zu verstehen und dadurch, dass ich mein Wissen und meine Erfahrungen mit anderen Menschen teile, damit Sie sie zum Vorteil Ihrer Pferde nutzen können, und ich hoffe auch ihr Leben dadurch ein bisschen zu bereichern.